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Fischereihafenrennen 2010

„Die besten Jeschichten schreibt immer noch det Leben“, antwortet Icke in seinem typisch Berliner Slang, als ich ihn frage, was ich zum diesjährigen Fischereihafenrennen schreiben soll.
Recht hat er, unser Werkstattleiter, einfach nur zu 100%.
Im Vorfeld war unser Stand auf der Händlermeile gebucht, ich war mit der brandneuen Wunderlich BMW S1000RR bei Doc Scholl auf dem Sachsenring und bin direkt von dort schon Freitag Spätnachmittag in Bremerhaven angekommen. Ich mag die Stimmung und Atmosphäre, finde es spannend, wie sich der Fischereihafen mit all seinem Gewusel in eine Rennstrecke mit drei Fahrerlagerbereichen, eine Händlermeile, eine Vergnügungsmeile incl. Festzelt und allem, was man sich für einen Rummel vorstellt, verwandelt. Unglaublich, welche Vorarbeit geleistet werden muss, faszinierend zu beobachten, wie sich das Bild einer einfachen Straßenkreuzung innerhalb von einer Stunde ändern kann, wenn ein Rad ins andere greift.
Im Laufe des Samstag reiste die Wunderlich Mannschaft mit Ausstellungszelt, Konzeptbikes und Infomaterial an. Wir bauten gemeinsam mit BMW Bobrink aus Bremerhaven unsere Kombination aus Messestand und Paddock auf. So konnten wir es der interessierten Besucherschaft ermöglichen, hautnah am Geschehen rund um unser Rennteam teilzuhaben. Eine Transparenz zu zeigen, wie sie nur noch im Real Roadracing gezeigt wird. Rennsport ganz nah, ganz intim und ganz spannend.
Am Sonntag im ersten freien Training machten sich unser Fahrer Chris Kohlhoff und ich auf den bestens vorbereiteten Bikes mit der engen, anspruchsvollen Strecke bekannt. Einige kleine Änderungen am Fahrwerk und an der Bremsanlage sollten die R1200R von mir fürs erste Zeittraining in eine ideale Schussposition bringen. Chris war mit der F800 vollauf zufrieden und ließ nur einen neuen Reifensatz aufziehen. Nach nur drei Runden kündigte sich bei mir ein Defekt an einer noch nicht erprobten Ausbaustufe der Slipperkupplung an. Sie griff schlicht und ergreifend nicht mehr und ließ kein volles Bescheunigen mehr zu, sonder verweigerte ihren Job, indem sie hilflos vor sich hin rutschte. Ich fuhr nach nur fünf gefahrenen Runden raus, stellte aber die 1200er nicht sdesto trotz in einer starken Konkurrenz auf den dritten Startplatz.
Für Chris lief es ebenfalls nicht optimal. In seiner ersten Runde aus der Box musste er aufgrund eines leicht überbremsten Vorderrades zu Boden gehen. Später sollte sich herausstellen, dass seine vordere Heizdecke durch einen Defekt am Thermostat den Vorderreifen nicht mehr auf die notwendigen 80° aufgeheizt hatte. Nach dem Pech kam für Cris auch noch Unglück hinzu. Nachdem er sich unverletzt wieder im Fahrerlager eingefunden hatte, lieh er sich ein Klapprad aus, um zu seinem Wohnwagen zu fahren. Dabei geriet er mit dem kleinen und schmalen Vorderrad genau in die Spalte eines Gullideckels und musste ein weiteres mal zu Boden. Dabei prellte er sich die Schulter dermaßen arg, dass er die Hoffnung auf eine Wiederholung seines hervorragenden Ergebnisses aus dem Vorjahr jäh begraben musste.
Er hat sich mit dem Klapprad aus dem Rennen geschossen.
Nun war guter Rat teuer, eine Lösung musste her, wollte die Truppe aus Sinzig am Pfingstmontag am Rennen teilnehmen. Der Wechsel der Kupplung dauert bei der 1200R über den Daumen acht Stunden, sofern man eine solche hat. Da wir unsere Standfläche zusammen mit BMW Bobrink betrieben, lag es nahe, einfach mal zu fragen, ob sie rein zufällig eine mithatten. Hatten sie nicht. Im Lager war auch keine, da dieses Teil fast nie Probleme macht. Die Hirnwindungen aller Beteiligten drehten sich von nun an um eine Kupplungsscheibe. Nur nicht meine eigenen. Die machten aus der Not von Chris eine Tugend. Fürs zweite Zeittraining klebten wir meine Startnummer an die nur leicht beschädigte Maschine von Criss und wechselten noch den Transponder, um die Zeitnahme nicht zu verwirren. Leider war es mir nicht möglich, auf der F 800 meine Zeit aus dem ersten Zeittraining im zweiten zu verbessern.
Noch vor Ende des Renntages die erlösende Botschaft von Bobrink. Die quirlige BMW Truppe hatte tatsächlich irgendwo im Norden eine Kupplungsscheibe aufgetrieben. Diese war nun mit einem Kurier zur Bremer Stadtgrenze unterwegs, von wo aus sie von einem Bobrink- Mitarbeiter übernommen und zu Icke, unserem Werstattleiter gebracht wurde. Ernst Heinze, Chef der gleichnamigen Spedition in Bremerhaven und Freund des Hauses, stellte spontan seine Werkstatt zum Wechsel der Kupplung zur Verfügung. Auf mein flehendes Nachfragen erklärten sich noch zwei anwesende Bobrink- Mechaniker bereit, unseren "besten Icke von der ganzen Welt", beim Wechsel der Kupplung zu unterstützen. Sie alle trafen sich gegen 20:00 Uhr bei Ernst Heinze in der Werkstatt. Um ziemlich genau 23:30 Uhr war die Operation gelungen und die 1200er konnte wieder schöne lange schwarze Striche beim Beschleunigen auf den Asphalt malen. Eine beispielslose Aktion aller Beteiligten, die beweist, was alles möglich ist, wenn sich ein paar Köpfe auf eine Richtung festgelegt haben. Schon an dieser Stelle mal unseren fetten Dank an Bobrink, seine Mitarbeiter und Ernst den Spediteur mit viel Benzin im Blut.
Die Rennen am Montag konnten dank des nächtlichen Einsatzes der tapferen Mannen nun angegangen werden. Wir wissen um die Beliebtheit unserer „Klötenpony“ genannten R1200R bei den Besuchern des Fischereihafenrennens und sahen es als unsere Pflicht an, den Fans die Vorstellung zu geben. Auch wenn die Rundenzeiten sicher um 1-2sek. langsamer wurden durch den Verlust der Slipperkupplung. Die BMW lag in den Bremszonen lange nicht mehr so souverän ruhig wie mit der Slipperkupplung. Sie stempelte arg mit dem Hinterrad, so arg, dass die Stempelneigung bis zum Vorderbau durchdrang und das Vorderrad ebenfalls sehr ungünstig beeinflusste. Um so erfreulicher das Ergebnis vom ersten Lauf. Nach zähem, aber sehr fairem Kampf gegen Farnk Haidger auf seiner schnellen und wesentlich leichteren Triumph, konnte ich den dritten Platz erreichen und mich so zur Siegerehrung auf dem Podest einfinden.
Ging aber nicht. Ich stellte die BMW in den Parc ferme und hetzte über die Strecke zu meinem nächsten Arbeitsgerät, einer Kawasaki Z1000, die ich in der Classic Superbike einsetzte. Für diese Klasse waren die Startvorbereitungen schon im vollen Gange und es galt keine Zeit zu verlieren.
Lauf zwei mit der BMW sollte ähnlich spannend werden, wie Lauf eins. Leider verstärkte sich die Stempelneigung am Hinterrad während der acht Runden des Rennens derart, dass ich Sicherheit vor Risiko walten ließ und mich mit Platz fünf zufrieden geben musste.
Im anschließenden Rennen der Classik Superbike konnte ich mein Ergebnis aus dem ersten Superbikelauf wiederholen und lieferte mit zwei zweiten Plätzen ebenfalls eine akzeptable Gesamtleistung hinter dem überragend fahrenden Stefan Merkens ab.
Ich kann mit Stolz „Danke“ sagen an alle, die geholfen haben, dass ich die goldene 1200er den Zuschauern in Aktion zeigen konnte und selbst den Riesenspaß dabei hatte. Ganz besonders BMW- Bobrink und seinen Mannen, Ernst mit seinen Fischlastern und unserem Icke. Ohne deren Einsatz hätte ich zwar die F 800 einsetzen können, aber das Fischereihafenrennen bedeutet für mich den dicken Boxer zu pressen und sonst nichts. Ein wenig glaube ich, dass es den Fans da ähnlich geht.
An Chris noch die besten Wünsche zur Genesung und die erlösende Nachricht, dass er für die verbogene Fahrradfelge nicht aufkommen muss.
Euer Fritz (Frank) Spenner
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