Intime Einblicke ins BoxerCup-Team von Wunderlich MOTORSPORT

Eine kurze Geschichte vom Zylinderschleifen, von echtem Teamgeist und davon, wie man richtig schnell Boxer fährt

Von Toni Börner

Seit 2019 gibt es ihn wieder: Den BMW BoxerCup. Anders, als in der ersten Auflage im Rahmen des Motorrad-Grand-Prix, dafür mit der pfeilschnellen, seriennahen R nineT. Wunderlich gehört mit seiner Sparte BOXER-SPIRIT international zu den Anbietern mit dem größten Sortiment zum Umbauen aller Varianten der R nineT-Familie. Mit Wunderlich MOTORSPORT war man am Pikes Peak und beim Langstreckencup am Nürburgring ausgesprochen erfolgreich. Da lag es nahe, die Chance zu ergreifen, BOXER-SPIRIT und MOTORSPORT zusammenzuführen: Nate »N8!« Kern aus den USA und der ehemalige Suzuki GSX-R1000- Cup Champion Christof »Fifty« Höfer sollen um Siege und die Meisterschaft kämpfen.

»Eigentlich wollte ich keinen Rennsport mehr machen«, grinste Frank Hoffmann, Geschäftsführer von Wunderlich, noch zu Jahresbeginn. Doch der Rennsport ist ein Virus, gegen den kein Kraut gewachsen ist.« Es gab, als klar war, dass der Cup kommt, einige Gespräche, teils direkt mit BMW, über Nate Kern. Ich wusste natürlich, wer das ist. Er fährt seit Jahren BMW – und kommt dann auch noch aus Amerika, ein für uns relevanter und wichtiger Markt.«

Kern selbst ist der Boxer-Dinosaurier, jeder im Team sagt: Als Nate Kern auf die Welt kam, da hat er nach dem Boxer-Konzept gefragt. Eine Anspielung darauf, dass Kern bereits beim Ur- Boxer-Cup in Daytona und Anfang der 2000er Jahre dabei war.

»Haha«, lacht Kern, wenn man ihn darauf anspricht.« Das Fahren einer BMW-Rennmaschine mit Boxermotor am Limit fordert mich heraus und es fasziniert mich. Ich will jetzt nicht übermäßig philosophisch werden, aber ich glaube, so wie man ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen sollte, so sollte man eben ein Rennmotorrad nicht nach seiner Zylinder-Ausrichtung beurteilen.« Die Faszination für das Motorenkonzept ist bei Kern seit fast 20 Jahren ungebrochen.« Der Boxer, der irritiert die Leute richtig – und er irritiert mich selbst auch heute noch.« Besonders das spezielle Feeling hebt er dabei hervor – das sich über die Jahre nicht wesentlich verändert hat. Es ist eine Art Old-School-Feeling, wie der Amerikaner sagt, das sich beim Fahren eines Boxers einstellt, technologisch sind die R nineT top, State of the Art sozusagen – aber das Gefühl und die Technik, die notwendig sind, den Boxer gekonnt und schnell am Limit zu bewegen, das ist geblieben. Ein Balanceakt, der richtig Spaß macht.«

Doch leicht sollte es Kern nicht gemacht werden. Wunderlich schickte mit Christof Höfer einen pfeilschnellen Mann als Teamkollegen mit ins Rennen. Höfer ist ehemaliger Suzuki GSX-R1000- Cup Champion, wollte 2018 in Deutschlands Top-Klasse der IDM Superbike motiviert angreifen – aber eine komplizierte Schulterverletzung warf den Hessen aus dem Rennen.« Ich wollte dieses Jahr unbedingt meine verpasste Chance in der IDM Superbike noch mal in Angriff nehmen«, so Höfer.

»Das wollte ich auf Biegen und Brechen – aber leider hat das Budget dafür nicht gereicht.« Höfer war am Boden zerstört, ist aber ein durchweg positiver Mensch, der in seinem Leben schon einige Rückschläge hat verkraften müssen und trotzdem immer wieder seine Tiefpunkte überwinden konnte. »Wo eine Tür zu geht, gehen manchmal zwei oder drei neue Türen wieder auf«, sagt er. »Und dann kam der Anruf von Frank Hoffmann, dem Geschäftsführer von Wunderlich: Fifty, hast du nicht Lust, den BoxerCup für Wunderlich MOTORSPORT zu fahren?« Natürlich hatte er. Höfer und Hoffmann kennen sich seit Jahren, sind selbst schon Rennen gegeneinander gefahren. Und ganz nebenbei: Auf Rennen mit 1000er Vierzylindern muss er dann auch nicht verzichten, denn Wunderlich MOTORSPORT tritt auch im Reinoldus Langstrecken Cup mit der Doppel-R erfolgreich am Nürburgring an. Seit 2019 mit Höfer im Sattel.

Und auch Kern hat Erfahrung mit dem Münchener Superbike aus Berlin-Spandau. In den USA ist der Publikumsliebling BMW-Markenbotschafter für die S 1000 RR, was aber seine Liebe zum Boxer-Konzept nie gebrochen hat. Und so wurde im Team die Idee geboren: Höfer kennt die Strecke und Kern den Boxer. In den ersten Trainingssessions der Wochenenden, machen die Teamkollegen – die gleichzeitig ihre jeweils härtesten Kontrahenten sind – gemeinsame Sache. Zumindest meistens.

Nate Kern bekam gleich beim Saisonauftakt am Lausitzring eine Lektion. Ja, der »alte Hase«, der Boxer-Dino. Aber eben nicht unbedingt was die sportliche Leistungsfähigkeit anbelangt. »Man, das hatte ich nicht erwartet – da muss ich noch mal an die Geräte, so reicht meine Fitness nicht aus, um Fifty zu schlagen«, hatte der US-Amerikaner nach den ersten beiden Läufen zu Protokoll gegeben. »Ich glaube, er hat sich das alles etwas einfacher vorgestellt, als es dann tatsächlich war. Das freut mich natürlich«, kontert Fifty grinsend. Beide sprechen von gegenseitigem Respekt.« Trotzdem habe ich einen absoluten Siegesdrang und den will ich in jedem Rennen ausleben«, so Höfer. »Das hat Nate aber genauso.« Die Strecken von Höfer und die Geheimnisse des Boxer-Fahrens von Kern. Das ist der Deal der beiden Teamkollegen. Nate gibt ein paar Einblicke: »Es kommt wirklich auf die Kurve an. In langsamen Kurven musst du nicht so sehr Hang-Off fahren, in schnellen solltest du das tun. Aber du solltest nicht so viel Körper einsetzen, weil du über die Distanz müde wirst, denn diese seriennahen Boxer sind richtig schwer. Aber auch richtig dynamisch. Wenn du eine Saison lang auf einem Boxer Rennen gefahren bist, bist du ein besserer Fahrer«, ist Kern überzeugt. Im Team Wunderlich treffen seiner Meinung nach drei Generationen aufeinander. »Da gibt es den Fahrstil, den Frank verkörpert und den der jungen Generation von Fifty«, sagt Kern.« Ich bewege mich irgendwo dazwischen. Du musst den richtigen Mix treffen, aus altbewährt und aus neu.«

Frank Hoffmann will den herausfordernden Seitenhieb von Kern nicht einmal dementieren.« So ein Motorrad muss halt mit viel Körpereinsatz gefahren werden«, sagt der Wunderlich-Geschäftsführer und Teammanager, der selbst als Entwicklungspilot für den aktuellen BoxerCup mitgewirkt und getestet hat. »Da sind die jungen Burschen im Vorteil mit ihrem Hanging-Off-Stil. Die alten Haudegen fahren meinen Oldschool-Style und die kommen da nicht mehr mit. Diesem Motorrad musst du Speed abverlangen, indem du den Schwerpunkt vom Motorrad wegnimmst. Das ist nicht mehr mein Stil, das passt eher zu jüngeren Leuten. Von außen ist das aber sehr beeindruckend und spektakulär zu sehen, wie schnell die mit diesen Motorrädern fahren können.«

»Es gibt Fahrer, die haben nationale Superbike-Meisterschaften, sogar MotoGP-Rennen gewonnen – die nie Hang-Off gefahren sind oder die Buden angestellt haben«, fährt Kern fort.« Aber auf dem Boxer musst du deinen Körper einsetzen, damit die Zylinderköpfe frei bleiben, weil du weniger Schräglage fahren kannst. Wenn du nur 80 von 100 Prozent der korrekten Körperhaltung hast, setzt du mit dem Zylinder auf, denn das würde nur zu Stürzen führen. Je nach dem, mit welchem Zylinder du schleifst, entscheidet, wie du abfliegst. Wenn der linke Zylinder, der wegen des asymmetrischen Versatzes der beiden Zylinder weiter vorne sitzt als der rechte, aufsetzt, geht zuerst das Vorderrad weg. Setzt dagegen der Rechte auf, geht es hinten weg. Ich schleife mit den Zylindern nur gegen Ende eines Rennens – wenn die Kraft nachlässt und mein Körper sich gegen den Hang-Off sträubt.«

Hoffmann weiß: »Wenn der Zylinder auf den Boden kommt, dann fährt das Motorrad nicht mehr den Radius, den du eigentlich fahren willst, das war mit den »alten« BoxerCup-Maschinen auch nicht anders. Das Motorrad fährt dann einen weiten Radius und du musst dann einfach die Ruhe behalten, das dann wieder ein bisschen aus der Schräglage raus zu holen und dann den Radius fahren, den du fahren willst. Das hört sich doof an, aber irgendwie geht es. Also, Stürze sind relativ selten – und wenn, dann ist am Motorrad meist nicht viel, weil die so spartanisch ausgestattet sind. Die sind echt stabil, die Dinger. Wer in den Motorradrennsport rein schnuppern will, der ist hier genau richtig.«

Man merkt, wenn man sich mit Kern unterhält, welches Feuer dieses Gesprächsthema in ihm entfacht. Irgendwann aber bremst er sich selbst ein. »Ich will eigentlich gar nicht zu viele Geheimnisse preisgeben«, schielt er verschmitzt in Richtung des Teamkollegen Höfer. »Fifty ist jung, hungrig und einfach eine andere Generation. Die hinterfragen heute alles und wollen alles ganz genau wissen. Ich habe alles, was ich über den Boxer weiß, von Stephane Mertens gelernt – aber der hat mir da nichts erzählt, sondern ich habe mir das im ursprünglichen BoxerCup auf der Strecke bei ihm abgeschaut. Seit 2004 bin ich nichts anderes mehr als BMW gefahren.«

Höfer weiß, dass er noch viel lernen kann – wenngleich er sich als Dominator des BoxerCup 2019 entwickelt und die meisten Rennen gewonnen hat. »Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen und aufhören soll«, sagt er mit Hinblick auf die Unterschiede aus den 1000 ccm-Bikes, die er bisher gefahren ist, zur R nineT. Als erstes seien da natürlich die Zylinder. »Die kucken ziemlich weit raus«, lacht er.« Dann ist da das Aufstellmoment beim Gas geben. Dadurch kannst du Rechtskurven in einem anderen Radius fahren, als Linkskurven.« Insgesamt sei es ein Männer-Motorrad – oder ein Kenner-Motorrad, denn auch eine Anti-Hopping-Kupplung gibt es nicht.« Das Motorrad macht sehr viel Spaß, aber es ist sehr tricky. Mit einem Superbike hat es nichts gemein, außer, dass der Gasgriff weiter rechts ist. Da ist US-American-Boxer-Star Nate genau der richtige Mann, von dem ich viel lernen kann.«

Telefon: +49 (0) 26 41 30 82 0
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